Ethnologie und die Kultur des Teilens

Sharing Economy ist in aller Munde. Auch im Umfeld der digitalen Transformation erhält das Thema eine immer grössere Bedeutung. Aus diesem Grunde freut es uns besonders heute einen Gastbeitrag von Tabea Grob veröffentlichen zu dürfen, welcher die Sharing Economy aus einem ganz anderen Blickwinkel beleuchtet.

Gastbeitrag von Tabea Grob, Studentin an der Universität Zürich.

Foto Tabea Grob

Die Sharing Economy ist an sich nichts neues, darin sind sich alle einig. Doch während die meisten dabei an die geteilten Kleider unter Geschwistern denken oder an die Allmenden in den Alpenregionen, ergibt sich für die Ethnologie einen anderen Bezugspunkt: Jäger und Sammler Gesellschaften.

So beschreibt etwa der Ethnologe Thomas Widlok in seinem Buch „Anthropology and the Economy of Sharing“ die unterschiedlichen Mechanismen von Teilen, gegenseitigem Tausch und Schenken die in vielen Jäger und Sammler Gesellschaften die Wirtschaft formten. Dabei gilt das Teilen in der Ethnologie nicht als evolutionäre Entwicklung – zu teilen liegt dem Menschen nicht einfach im Blut.

Teilen ist viel mehr eine kulturell begründete Praxis, die hilft mit gegebenen Ungleichheiten in einer Gesellschaft umzugehen.

anthropology_sharingeconomy

Obwohl in vielen Jäger und Sammler Gesellschaften die Praxis des Teilens nach und nach durch die neoliberale Wirtschaftsordnung ersetzt wurde, bieten sie einen guten Anhaltspunkt wie das Teilen als Basis eines alternativen Szenarios einer Gesellschaft funktionieren kann. Jäger und Sammler pflegen trotz knappen Ressourcen nur eine geringe Vorratshaltung und Akkumulation an Gütern – ganz im Gegensatz zu uns.

Ihre Antwort auf die Knappheit ist die Verteilung der Güter.

Dabei wird keine staatliche Institution als distributives Zentrum benötigt, denn die sozialen Normen des Teilens sind stark genug.

Auch bei uns sind solche soziale Normen des Teilens aktiv, so teilen wir etwa ganz selbstverständlich mit unseren Verwandten und Freunden. Die aktuellen Trends in der Sharing Economy versuchen nun dieses Teilen auf ein wirtschaftliches Level zu heben das über diesen engen Kreis an Bekannten hinaus geht.

Aus einer ethnologischen Perspektive stellt sich nun die Frage, welche sozialen Normen, welche Motive und Anreize gelten müssen, damit die Sharing Economy erfolgreich sein wird.

Aus meiner jetzigen Perspektive, die sich auf Feldforschung zu den unterschiedlichen Akteuren der Schweizer Sharing Economy stützt, ergeben sich mehrere Erkenntnisse diesbezüglich. Zum einen spannen sich die Motive der Akteure von reinem ökonomischem Profitdenken bis zu tiefer ideologischer Überzeugung, einen sozialen und/oder ökologischen Mehrwert zu schaffen. Wo sich ein Unternehmen innerhalb dieser Spannbreite befindet, sagt aber noch nichts über dessen Erfolg aus. Denn je nach Motiv finden sich andere Nutzer, die sich davon angesprochen fühlen.

Eine weitere Erkenntnis liegt darin, dass die Akteure die zukünftige Entwicklung der Sharing Economy ganz unterschiedlich einschätzen. Ob das Teilen nun als zukünftiges Erfolgsmodell des Konsums angesehen wird oder nur als Trend der bald wieder verschwinden wird, hängt stark von der eigenen Wahrnehmung der Gesellschaft ab. Während die einen davon überzeugt sind, dass die Akkumulation von Gütern nicht mehr das heutige Ideal ist und die Zeit somit reif für ein neues Konsummodell ist, bräuchte es für andere eine neue Generation, härtere Zeiten oder noch disruptivere Ideen damit die Sharing Economy Erfolg haben kann.

Damit der Konsum wieder seiner lateinischen Grundbedeutung von con = mit, zusammen und sumere = nehmen, ergreifen entspricht – und somit dem Grundgedanken der Sharing Economy – müsste aus meiner Sicht nicht mehr das Individuum als Einheit gelten von der man ausgeht, sondern neu die Gemeinschaft. Das trifft bei der Mobilität, beim Wohnungsbau und der Städteplanung genauso zu wie bei der Vermarktung von Bohrmaschinen oder Nachbarschaftshilfe.

 

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